Commodore VC-20 – der erste „Brotkasten“

Geschrieben am 08.01.2021 von

Alle kennen den Commodore C64, den erfolgreichsten Computer der Welt. Er kam 1982 auf den amerikanischen und 1983 auf den deutschen Markt. Vor dem C64 gab es aber schon den ähnlich aussehenden und ebenfalls populären „VolksComputer“ VC-20. Am 8. Januar 1981 wurde er unter dem Namen VIC-20 auf der Technikmesse CES in Las Vegas gezeigt.

Welche Computer kauften Menschen mit mittlerem Einkommen vor vierzig Jahren? Neben dem Apple II und dem Tandy TRS-80 bot der Markt den Commodore PET und die auf ihn folgende CBM-Familie an. Von Atari waren die Acht-Bit-Typen 400 und 800 erhältlich und von Sinclair Computers Ltd. in England der weiße ZX 80. Deutsche Wurzeln hatte der Alphatronic aus Nürnberg.

Am 8. Januar 1981 eröffnete in Las Vegas die Winter-Ausgabe der Consumer Electronics Show, der amerikanischen Messe für Unterhaltungselektronik. Die Stars der CES waren der Camcorder und die noch in der Entwicklung befindliche Audio-CD. Bei den digitalen Systemen glänzten der Taschencomputer HHC von Panasonic und der Acht-Bit-Rechner VIC-20 der Firma Commodore, der bunte Buchstaben und Grafiken anzeigte. Völlig neu war er nicht, denn als VIC-1001 wurde er seit Oktober 1980 in Japan verkauft.

Die japanische Erstausgabe VIC-1001 – man beachte die Schriftzeichen auf den Tasten. (Foto Thomas Conté CC BY-SA 2.0)

Die Karriere des VIC-20 begann schon etwas früher. Am 15. April 1980 trafen sich in der Nähe von London Commodore-Manager, -Vertriebsleute und -Ingenieure; die Konferenz leitete Commodore-Chef Jack Tramiel. Er fürchtete eine Eroberung des Heimcomputermarkts durch japanische Hersteller und verlangte einen Rechner mit Farbdarstellung und einem Preis unter 300 Dollar. In der Diskussion wurde das Konzept stark angezweifelt, doch Tramiel schloss sie mit den Worten: „Meine Herren, die Japaner kommen, und deshalb werden wir zu Japanern werden.“

Zum Glück besaß Commodore einen Prozessor, der dem von Tramiel verlangten Computer die Farben gab. Der MOS 6560 VIC – das Kürzel steht für „Video Interface Chip“ – stammte aus dem Mikroelektronik-Zweig des Unternehmens; er war aus der 1976 übernommen Firma MOS Technology hervorgegangen. MOS-Gründer Chuck Peddle schuf 1975 den Prozessor 6502, der den Apple I, den Apple II und alle Commodore-Rechner seit dem PET antrieb. Die Projektleitung für den neuen Rechner übernahm Jack Tramiels Marketingdirektor und persönlicher Assistent Michael Tomcyk.

Die erste Million ist geschafft: Jack Tramiel im Juni 1982 mit Michael Tomczyk. (Foto Michael Tomczyk CC BY-SA 4.0)

Im Juni 1980 fand in Chicago die sommerliche Consumer Electronics Show statt. Dort zeigte Commodore zwei schnell zusammengeschraubte Prototypen des Farb-Computers; einer der beiden, der MicroPET, ist im Foto überliefert. Die endgültige Ausführung entstand in der japanischen Commodore-Abteilung. Ihr verdanken wir auch das abgerundete Design. In Tokio und in Amerika erinnerte es die Betrachter an ein Kopfkissen. Bei uns führte es, wie man weiß, zu einer Bezeichnung aus der Küchenwelt.

Der Ur-Brotkasten kam im Oktober 1980 zuerst in Japan heraus; hier hieß er Commodore VIC-1001. Im Januar erschien er als VIC-20 auf der Messe in Las Vegas. Als Hauptprozessor diente der MOS 6502, der MOS 6560 versorgte den Bildschirm mit acht Vordergrund- und acht Hintergrundfarben. Vorprogrammiert war die Sprache BASIC; der frei nutzbare Speicher umfasste aber nur anderthalb Kilobyte. Die Grundversion des Computers war in den USA ab Mai 1981 für 299 Dollar verfügbar  – Jack Tramiels Traum ging also in Erfüllung.

Captain Kirk am VIC-20; hinten steht Michael Tomczyk. (Foto Michael Tomczyk CC BY-SA 4.0)

Der VIC-20 besaß einen Einsteckport für Speichererweiterungen und Spielmodule; Spiele wurden dann auch reichlich geliefert. Anschließen konnte man Joysticks und eine Datasette für Magnetbänden; später folgten Diskettenlaufwerke und sogar ein Modem. Die Anzeigen priesen den Rechner als „den freundlichen Computer“. In der Fernsehwerbung bewährte sich der Schauspieler William Shatner, bekannt vom Raumschiff Enterprise. Die TV-Serie lag 1981 schon zwölf Jahre zurück, doch flog der Raumkreuzer jetzt im Kino.

Ab Oktober 1981 war der Computer in der Bundesrepublik erhältlich. Hier trug er den Namen VC-20 und kostete 899 DM. 1982 wurde der VolksComputer schnell billiger, denn Jack Tramiel ging keinem Preiskrieg aus dem Weg. Der Brotkasten kämpfte so den wenig später erschienenen TI-99/4A von Texas Instrument nieder. Weichen musste der VIC-20 erst dem Konkurrenten aus dem eigenen Haus, dem C64. Bis zum Produktionsende 1985 verkaufte Commodore aber zweieinhalb Millionen VICs und VCs. Den C-Fans empfehlen wir noch ein amerikanisches und ein deutsches Video sowie diesen informativen Fachartikel.

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Ein Kommentar auf “Commodore VC-20 – der erste „Brotkasten“”

  1. „Meine Herren, die Japaner kommen, und deshalb werden wir zu Japanern werden.“ was für ein Zitat! Es fängt die Zeithistorischen Kontext dieser Zeit wunderbar ein. Ein Hinweis zu Mikrocomputern und Computerspielen: in der Ausgabe 2019 des Archivs für Sozialgeschichte hat Gleb Albert einen sehr informativen Literaturbericht zu diesem Thema geschrieben!

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