CTM – Aufstieg und Niedergang einer Computerfirma

Geschrieben am 22.04.2022 von

In den 1970er-Jahren gehörten Geräte der Mittleren Datentechnik zu den bekanntesten deutschen Computern. Neben Marktführer Nixdorf konkurrierten Hersteller wie Dietz, Ruf, Kienzle und Triumph-Adler. Am 24. April 1972 gründeten Otto und Ilse Müller eine weitere Firma, die Computertechnik Müller Gmbh oder CTM. Sie fertigte exzellente Bürosysteme, wurde aber von inkompetenten Managern in den Ruin getrieben.

Einst war sie die größte Industrieschau der Welt: die Hannover Messe. 1972 fand sie vom 20. bis 28. April statt. Die Halle 1 beherbergte das „Centrum der Büro- und Informationstechnik“, kurz Cebit , und auch einen Anbieter aus Paderborn. In der damals gedrehten Wochenschau sehen wir ab Minute 5:25 den Stand der Nixdorf Computer AG und die Nixdorf-820-Familie.

Auf dem Dach der riesigen Cebit-Halle befanden sich Apartments im einheitlichen Stil, die sogenannten Trelemente. Sie dienten zum Übernachten, für Besprechungen sowie zur Präsentation von Produkten. Vor fünfzig Jahren zog in eines der Trelemente eine Firma, die erst am 24. April 1972 in Konstanz gegründet wurde. Die Computertechnik Müller GmbH, abgekürzt CTM, leitete ein Ehepaar, Otto und Ilse Müller. Der von ihnen gezeigte Computer trug den Namen CTM 70; er kam aus der Mittleren Datentechnik.

Ein TA 1000 von Triumph-Adler in einer Berliner Computersammlung

Ilse Müller wurde am 25. Januar 1939 als Ilse Angstenberger in Stuttgart geboren und wuchs bei Pflegeeltern in Sulzbach auf. Nach der Volksschule absolvierte sie eine Lehrzeit als Industriekauffrau. Sie arbeitete in Backnang und lernte Otto Müller kennen; im Juli 1959 heirateten die beiden. Müller kam am 30. Juli 1934 in Heilbronn zu Welt. Dort besuchte er das Gymnasium bis zur Mittleren Reife und machte eine Lehre als Rundfunkmechaniker. Anschließend studierte er Elektrotechnik am Staatstechnikum in Konstanz.

Nach dem Abschluss erhielt Otto Müller eine Stelle im Telefunken-Werk Backnang; er wirkte an der Entwicklung der Computer TR 4 und TR 10 mit. Während der TR 4 1962 ausgeliefert wurde, entstanden vom kleineren TR 10 nur Prototypen. Otto Müller kündigte und arbeitete ab März 1963 für die IBM-Forschung in den USA. Im September 1964 wechselte er in Heinz Nixdorfs Labor für Impulstechnik. Hier blieb er bis 1969. Nach einem Jahr Tätigkeit für eine kalifornische Firma kehrten die Müllers im August 1970 nach Deutschland zurück.

Eine CTM-70-Anlage der ersten Generation auf einem Vintage-Computing-Treffen

Im Koffer hatten sie Pläne für einen neuen Bürocomputer. Sie führten zum Acht-Bit-Rechner TA 1000 und dem CTM 70 mit sechzehn Bit. Ersterer war ein Auftrag der Nürnberger Triumph-Adler-Gruppe; er lag Anfang 1972 vor und ging 1973 in Serie. Insgesamt wurden 10.000 Stück verkauft. Parallel zum TA 1000 entwickelte Otto Müller in seinem Konstanzer Haus den CTM 70. Die technisch verwandten Systeme besaßen grundverschiedene Designs. Der TA 1000 hatte schnurgerade Kanten und einen blauen Elektronikschrank, der von Hartmut Esslinger gestylte CTM 70 war abgerundet mit Beige- und Rottönen.

Der ersten vier Anlagen wurden im Dezember 1972 bei einem Kunden installiert. 1973 setzte die CTM 5,3 Millionen DM um, im Folgejahr 7,3 Millionen. Die Firma lebte aber von der Hand in den Mund; die kaufmännische Geschäftsführerin Ilse Müller – ihr Mann war für Technik zuständig – musste um jeden Kredit kämpfen. Ende 1974 liefen 200 CTM-70-Systeme, doch die Verluste erreichten 400.000 DM. Der Einstieg einer Fremdfirma ließ sich nicht umgehen. Anfang 1975 übernahm die Diehl Datensysteme GmbH, ein Teil der Nürnberger Diehl-Gruppe, 51 Prozent der Computertechnik Müller GmbH.

CTM-Terminal aus den späten 1970er-Jahren mit Festplatten- und Disketten-Laufwerk

Ilse Müller gab ihren Posten ab, der neue Geschäftsführer kam von Diehl. Das Unternehmen baute seit den 1950er-Jahren Rechenmaschinen, zunächst mechanische und später solche mit Transistoren. Die CTM-Computer passten in die Produktpalette, und sie verkauften sich von Jahr zu Jahr besser. 1976 wurden in Konstanz 2.000 Stück gefertigt. Der Jahresumsatz stieg von 60 Millionen DM (1977) auf 75 Millionen (1979) und 80 Millionen (1981). Seit 1978 bot CTM auch ein Textsystem an. Im gleichen Jahr wurden die Diehl Datensysteme GmbH von Triumph-Adler übernommen. Die CTM blieb bei diesem Geschäft draußen vor.

1983 brachte die Computertechnik Müller GmbH das System CTM 80 heraus, den Nachfolger des CTM 70. Otto Müller hatte schon 1980 seine Geschäftsführung für den Technikbereich beendet, Ilse Müller gehörten aber noch 49 Prozent der Firma. Sie wurde jetzt unter Druck gesetzt; im Juli 1984 verkaufte sie ihren Anteil für 15 Millionen DM an die Diehl-Gruppe. Der Umsatz betrug in jenem Jahr 108 Millionen DM. Diehl gab dann die CTM an die Standard Elektrik Lorenz AG in Stuttgart weiter, die ihre PC-Produktion hinzufügte.

Der CTM 9016 mit Motorola-Prozessor von 1984 war auch als Mehrplatz-System einsetzbar.

Bis 1988 stieg der CTM-Umsatz auf 145 Millionen DM; die Firma beschäftigte 800 Menschen. Die Verluste erreichten aber zweistellige Millionenwerte. 1989 wurde die CTM für eine Mark an zwei ehemalige Commodore-Manager verkauft, die sie in Itos umbenannten – so hieß das CTM-Betriebssystem. 1992 war der Umsatz auf 48 Millionen und die Mitarbeiterzahl auf siebzig geschrumpft. Ende 1993 ging Itos in den Besitz des südlich von Paderborn sitzenden Handelsunternehmens Peacock über. Der letzte Itos-Computer, ein Unix-Server für 64 Bit, kam 1995 in den Handel.

Damit endet die Geschichte der Computertechnik Müller GmbH. Das Ehepaar Müller wagte 1990 einen Neustart mit der Hyperstone GmbH. Sie bot einen von Otto Müller entwickelten 32-Bit-Prozessor an, der nach dem RISC-Prinzip mit einem reduzierten Befehlssatz operierte. Hyperstone existiert noch; seit 2020 gehörte das Unternehmen zur Swissbit Holding aus dem Schweizer Kanton St. Gallen. Ilse Müller engagierte sich später für die medizinische Forschung. Sie starb am 13. Mai 2019 in Konstanz. Otto Müller verstarb am 26. August 2020 auf Gran Canaria.

Otto und Ilse Müller in den frühen 1990er-Jahren auf einem PR-Bild für den Hyperstone-Chip (Foto Hyperstone GmbH)

Die Hauptquelle für unseren Blogbeitrag waren Ilse Müllers Memoiren „Glanz und Elend der deutschen Computerindustrie“. Das 1995 erschienene Buch zeichnet ein kritisches Bild der Branche, und Heinz Nixdorf kommt nicht ungeschoren davon. Dabei unterliefen der Autorin einige Fehler, etwa bei der Geschichte der Nixdorf 820. Andererseits wurde das Buch von der feministischen wie von der technikhistorischen Forschung bislang kaum ausgewertet – da gäbe es allerhand nachzuholen. Zum Schluss möchten wir noch auf die CTM-Seiten des Computersammlers Rainer Siebert verweisen.

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