Computer der Liebe

Geschrieben am 14.05.2021 von

Die 1960er-Jahre brachten uns nicht nur die IBM 360, das ARPANET und die Firma Nixdorf, sondern auch Heiratsinstitute, die mit Computern arbeiteten. So gab es 1965 ein solches Unternehmen in Hamburg. Schon vorher startete eine elektronische Partnervermittlung in London. Gegründet wurde das St James Computer Dating Service von einer Frau, der 1934 geborenen Joan Ball.   

Technikhistoriker interessieren sich für die Entwicklung des Computers und dafür, was Menschen mit ihm anstellen. So untersuchten in jüngster Zeit gleich mehrere Forscher die Geschichte der elektronischen Ehevermittlung. Zu nennen sind dabei Stefan Höltgen, Michael Homberg und René Meyer; in unserem Blog erzählten wir vom Computer Nr. 3, der für die Sängerin France Gall den richtigen Boy sucht. Im Wonnemonat Mai möchten wir uns mit einer Pionierin der Branche beschäftigen.

Joan Ball wurde am 22. Juli 1934 in London geboren; sie hatte drei ältere Geschwister, der Vater war Postbeamter. Die Balls wohnten in einem eigenen Haus im Norden der Stadt, doch es war keine glückliche Familie. Joan verlebte eine geradezu alptraumhafte Kindheit und Jugend; als sie achtzehn war, ließ ihre Mutter sie in eine psychiatrische Klinik einweisen. Nach einigen Monaten kam sie wieder raus und arbeitete sich danach in Modegeschäften hoch. Unterstützt wurde sie von Verwandten, die in der Lokalpolitik tätig waren.

1961 wechselte Joan Ball die Branche und fing in einer Heiratsvermittlung an. Vielleicht war es das gleiche Institut, das 1959 die BBC besuchte. Im Job lernte sie einen Kunden kennen, einen Schweizer Ingenieur, der in England arbeitete und sich von seiner Frau getrennt hatte. Er suchte eigentlich eine Tanzpartnerin. Joan und Ken freundeten sich an, und Joan Ball machte sich selbstständig. Ihr Eros Friendship Bureau saß beim Piccadilly Circus, bahnte Ehen an und betrieb einen hochanständigen – wir sind im Jahr 1962 – Escort-Dienst.

1964 wurde Joan Balls Freund von seiner Firma entlassen. Bei einer Reise in die heimatliche Schweiz las er in der Presse von einer neuen Partnervermittlung mit einem Computer. Dabei dürfte es sich um die Selectron Universal AG in Zürich gehandelt haben. Im April 1964 stellte eine deutsche Wochenschau das Institut und seine IBM-Anlage vor – bitte zu Minute 1:30 vorgehen. Das Schweizer Fernsehen berichtete im Februar 1965. Kurz gesagt: Schon Ende 1964 erweiterten Joan und Ken das Eros-Angebot um eine digitale Partnersuche.

Joan Ball nannte ihre Memoiren „Just Me“ – ich bin’s nur. Nach dem Slogan auf dem Stuhl schrieb sie ihre Lebensgeschichte nicht mit dem Kopf, sondern aus dem Bauch heraus.

Sie trug den Namen St James Computer Dating Service – St. James’s ist das Stadtviertel, an dem der Piccadilly Circus liegt. Einen Computer besaß der Service nicht; stattdessen wurde ein Software-Haus in Anspruch genommen. Die Nachfrage nach der High-Tech-Vermittlung hielt sich aber sehr in Grenzen. Die gleiche Erfahrung machte ein anderes Londoner Heiratsinstitut, das ebenfalls einen Computer benutzte. 1965 vereinten die beiden Firmen ihre Dienste zum Com-pat Computer Dating Service Ltd.

Damit begann eine glückliche Zeit für Joan Ball. Das Geschäft lief gut, sie lebte mit ihrem Ken zusammen und genoss, soweit es ihre knappe Freizeit erlaubte, das Swinging London. Inzwischen hatte Com-pat aber Konkurrenz: 1966 gründete der 21 Jahre alte John Patterson die Computervermittlung Dateline. 1968 entstand ein Film, der wohl die Londoner Filiale der amerikanischen Agentur Operation Match zeigt. In den USA war sie seit 1965 aktiv. Wer genau hinschaut, erkennt den Computer, es ist ein Univac 418.

1970 speicherte Joan Balls Datei 50.000 Namen. In Zusammenarbeit mit der Londoner Brunel-Universität installierte sie eine neue und bessere Software, Com-pat Zwei. Dann trennten sich Joan und Ken, und der Abstieg begann. 1973 betrugen die roten Zahlen 7.000 Pfund. 1974 verkaufte Joan ihre Firma für 5.000 Pfund und gegen Übernahme der Schulden an John Patterson. Die Dateline-Agentur beherrschte nun den englischen Markt. Patterson starb 1997; der Verkauf seines Unternehmens brachte den Erben 1,45 Millionen Pfund.

Joan Ball knüpfte nach 1974 nicht mehr an die alten Erfolge an. Sie biss sich aber durch und betrieb einen Fahr- und Putzdienst. 2014 veröffentlichte sie im Selbstverlag Just Me. Das Buch ist ein schonungsloser Rückblick auf ihr Leben und zugleich ein entlarvendes Portrait des Nachkriegs-England. Leider haben wir von Joan außer dem Bild auf dem Cover nur ein einziges Foto, wir hoffen aber, dass es ihr heute gut geht. Joans Ex-Partner Ken – was wohl nicht sein richtiger Vorname war – starb 2009 mit neunzig Jahren.

Wer sich für die Geschichte des britischen Computer-Datings interessiert, dem können wir diesen Artikel empfehlen. Unterlagen zur US-Operation Match und einen Schlips dazu verwahrt das Computer History Museum in Kalifornien. Schließen möchten wir mit einer Wochenschau von 1969. Bei Minute 5:25 führt sie nach Hamburg und in die Altmann GmbH. Nach eigenen Angaben war sie der weltgrößte elektronische Helfer für einsame Herzen.

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