Computer für die Polizei

Geschrieben am 11.03.2022 von

In den 1970er-Jahren drangen Computer nach und nach bei der westdeutschen Polizei vor. Vom 13. bis zum 17. März 1972 fand dazu eine Tagung im Bundeskriminalamt in Wiesbaden statt; dieses leitete der EDV-Freund Horst Herold. Die Referenten kamen aus dem In- und Ausland; ihre Vorträge zeigen uns heute die Anfänge der Digitalisierung der öffentlichen Verwaltung.

„Die Polizei hat nie etwas anderes getan, als Daten verarbeitet.“ So eröffnete Werner Heinl, Vizepräsident des Bundeskriminalamts, am 13. März 1972 die jährliche Arbeitstagung. Sie trug – man kann es sich denken – den Titel „Datenverarbeitung“, eine Technik, die Heinls Vorgesetztem Horst Herold besonders am Herzen lag. Er hatte im September 1971 das Amt des BKA-Präsidenten übernommen, musste aber wegen Krankheit der Tagung fernbleiben.

Herolds Amt wurde am 15. März 1951 durch ein Gesetz gegründet; es unterstand dem Bundesinnenministerium. 1953 bezog es seine im Stil der Nachkriegs-Moderne gestaltete Zentrale im Norden von Wiesbaden. Damals war das BKA primär ein kriminalistisches Forschungsinstitut; es sammelte Waffen, Falschgeld und Fingerabdrücke und gab jeden Monat das Deutsche Fahndungsbuch heraus. Einen Eindruck seiner Arbeit vermittelt eine Wochenschau von 1954; drei Jahre später entstand ein fast zwei Stunden langer TV-Film.

1965 brachte das Fernsehen einen kritischen Bericht, und der SPIEGEL schwärmte von den „Kriminal-Computern“, die der Polizei in den USA halfen. 1966 nahm im BKA eine Arbeitsgruppe für Elektronik den Dienst auf; sie umfasste einen Mathematiker und einen Kriminalisten und prüfte den Einsatz der EDV. Sie wuchs im Lauf der Zeit an, wurde aber 1971 geschlossen. Anfang 1972 gelang die Einrichtung einer Abteilung für Datenverarbeitung. Im Frühjahr zählte sie 56 Bedienstete, ein Rechenzentrum war im Bau.

Den Aufbruch ins Computerzeitalter dokumentiert auch die Tagung vom März 1972; der Vortragsband ist online. Das BKA reservierte sich drei Beiträge zu Beginn. Die Zuhörer erfuhren etwa, dass das neue Rechenzentrum zwei Siemens-4004-Systeme erhalten sollte. Dazu kamen Plattenspeicher für ein knappes Gigabyte Daten. Das Ganze erforderte eine Jahresmiete von 4,2 Millionen DM. Man arbeitete ebenso an der Datenfernverarbeitung. Die Ideen der Politiker zum Datenschutz mochte das BKA natürlich weniger.

Das Bundeskriminalamt im grünen Norden von Wiesbaden (Foto Wo st 01 CC BY-SA 3.0 DE seitlich beschnitten)

Die nächsten Referate behandelten die Aktivitäten und Planungen der Bundesländer und von Berlin. Es folgten Vorträge zu Spezialthemen; ein Mitarbeiter des Verfassungsschutzes erläuterte das Nachrichtendienstliche Informationssystem NADIS. Fünf Beiträge stammten von hohen Kriminalbeamten aus Österreich, Schweden und den USA. Der Kollege vom FBI schilderte das „National Crime Information Center“ NCIC, das 1967 gegründet wurde. Ganz am Schluss sprach ein Psychologe aus Freiburg über EDV und kriminologische Forschung. Mit einer Podiumsdiskussion klang die Tagung am 17. März 1972 aus.

Wir möchten noch einen Blick auf die Hardware werfen, die in den Referaten genannt wurde. Oben in der Liste rangierten die Marken IBM und Siemens, doch besaß die Bremer Kripo eine Nixdorf 820/15 mit Lochstreifenstanzer. Die von ihr erfassten Daten gingen an ein Rechenzentrum, das Ausdrucke für die Polizisten auf Streife lieferte. 1971 orteten sie auf diese Weise 131 Verdächtige; in 25 Fällen erfolgte eine Festnahme. Eine Nixdorf 820 nutzte auch das Landeskriminalamt Niedersachsen, doch wurde sie durch eine Olivetti ersetzt.

Die BKA-Arbeitstagung fand vor fünfzig Jahren in einer kriminalistisch ruhigen Zeit statt. Das änderte sich im Mai 1972 mit neuen Anschlägen der Rote Armee Fraktion. Nun griffen die Polizeikräfte oft und gern auf digitale Daten zurück; Millionen Namen landeten auf den Speicherplatten und Magnetbändern des BKA. Das Image des Computers in der Öffentlichkeit wurde dadurch nachhaltig beschädigt, 1979 druckte der SPIEGEL eine Serie „Das Stahlnetz stülpt sich über uns“. 1980 erlitt Horst Herold einen Herzinfarkt, 1981 trat er den vorzeitigen Ruhestand an.

Wenn überhaupt, nahm er nur als Zuhörer an der Tagung Polizeiliche Datenverarbeitung teil, die das BKA im November 1982 unter seinem Nachfolger Heinrich Boge organisierte. Jetzt gab es auch einen Vortrag zum Datenschutz. Horst Herold starb 2018 mit 95 Jahren. Aus dem Dezember 1972 ist eine Wochenschau überliefert, die seinen ersten Siemens-Rechner in Aktion zeigt. Als Ergänzung bringen wir einen 1971 gedrehten Film der Bundeswehr, die bei der EDV auf IBM-Technik setzte. Für Feinsinnige gibt es schließlich die Kulturgeschichte des Polizeicomputers aus dem Jahr 2014.

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