Der Mensch im Visier

Geschrieben am 01.03.2024 von

Im März 1964 erschien in den USA das Buch „The Naked Society“; die deutsche Ausgabe trug den Titel „Die wehrlose Gesellschaft“. Der Autor Vance Packard prangerte darin die Überwachung und Ausforschung der amerikanischen Bürger an. Sein Buch und andere Werke ähnlichen Inhalts eröffneten in den 1960er-Jahren die Diskussion um das, was wir heute Datenschutz nennen.

1957 beschrieb Vance Packard die Auswüchse der amerikanischen Werbewirtschaft und Werbepsychologie in seinem Buch „The Hidden Persuaders“. Es wurde ein Bestseller; die deutsche Version verkaufte sich ebenfalls gut. Auf „Die geheimen Verführer“ folgten Werke zur US-Gesellschaft („Die unsichtbaren Schranken“), zu Marketing und Konsum („Die große Verschwendung“) und zum Leben und Treiben der Manager („Die Pyramidenkletterer“).

Die lesbaren, faktenreichen Titel machten den 1914 im ländlichen Pennsylvania geborenen Packard zum König der Populär-Soziologen. Eigentlich war er Journalist. Er studierte Englisch in seinem Heimatstaat und Journalismus in New York; danach arbeitete er für eine Zeitung in Boston, die Nachrichtenagentur AP, das „American Magazine“ und die Zeitschrift „Collier’s“. Als sie Ende 1956 schloss, konzentrierte sich Packard auf Bücher. Die deutsche Fotografin Liselotte Strelow nahm 1958 dieses Bild von ihm auf.

1962 begann Vance Packard mit den Recherchen für „The Naked Society“. Das fertige Buch erschien am 16. März 1964 in den USA. Im August kam die deutsche Fassung mit dem Titel „Die wehrlose Gesellschaft“ heraus. Auf 369 Seiten – die Übersetzung umfasst 410 Seiten – zeichnete der Verfasser ein wenig schmeichelhaftes Porträt seiner Heimat. Er beschrieb sie als ein Land, in dem staatliche, bundesstaatliche und städtische Ämter, das Militär, die Polizei, Schulen und Hochschulen, größere und kleinere Unternehmen und ein Heer von Privatdetektiven den Menschen hinterherschnüffeln.

Als Gründe gab Packard fünf „Kräfte“ an: das Leben in Organisationen, die Militarisierung im zivilen Bereich, die Zwänge und die Ansprüche der Konsumgesellschaft, die Expansion des Ermittlungswesens und den Fortschritt der Elektronik. Dabei dachte er hauptsächlich an Überwachungskameras, Abhörgeräte und Richtmikrofone. Etwas später behandelte Packard die eher simpel gestrickten Lügendetektoren, in den USA Polygraphen genannt. Bei uns ist ihr Einsatz schon seit siebzig Jahren verboten, jedenfalls in Strafverfahren.

 

 

Kapitel 11 des Buchs widmete sich dem Handel mit Adressen und amtlichen Informationen. Hier ging Packard auch auf die Firma Simulmatics ein. Sie verdiente ihr Geld durch politische Analysen und computergestützte Untersuchungen des Wählerverhaltens. Ihre Aktivitäten inspirierten den Science-Fiction-Autor Daniel Galouye zum Roman Simulacron-3. Er wurde mehrmals verfilmt und löste den Glauben an eine vorgetäuschte „Welt am Draht“ aus, die wir angeblich alle bewohnen. Das ist noch ein Artikel über die genannte Firma.

Den Zorn von Vance Packard erregte die US-Volkszählung von 1960. Damals verteilte das Zensusbüro neben den normalen Unterlagen sechzehn Millionen Listen zum Zustand der Wohnungen. Das Büro fragte unter anderem nach Waschmaschinen, Wäschetrocknern, Radio- und Fernsehgeräten und danach, ob es im Haushalt neben dem Kühlschrank noch eine Tiefkühltruhe gäbe. Packard ermittelte, dass manche Punkte im Fragebogen auf Vorschläge der Privatwirtschaft zurückgingen. Das Volkszählungsamt verkaufte außerdem die Zensus-Ergebnisse, in Distrikte unterteilt, an kommerzielle Nutzer.

Vance-Packard-Bücher bringen eher zu viel als zu wenig Informationen; das gilt auch für „The Naked Society“. So lesen wir von der Kommunistenjagd des Senators Joseph McCarthy und seiner Nachfolger oder von Fotografen der Klatschpresse, die Filmstars nachstellen. In Amerika wurde seit Ende des 19. Jahrhunderts die Privatsphäre – dort sagt man Privacy – und ihr Schutz diskutiert, das Buch von Packard war aber das erste, das ihre Gefährdung durch technische und bürokratische Mittel beleuchtete.

Dabei kam unser Autor knapp einem Konkurrenten zuvor. Zwei Wochen nach „The Naked Society“ erschien in den USA das thematisch ähnliche Werk „The Privacy Invaders“; über den Autor Myron Brenton wissen wir nur, dass er in New York wohnte und ebenfalls über populäre Soziologie schrieb. Sowohl The Naked Society als auch The Privacy Invaders lassen sich nach Anmeldung im Internet Archive studieren. Brenton betrachtete speziell Lügendetektoren, Industriespionage und Abhöranlagen.

Die beiden Titel blieben nicht ohne Wirkung. Ausschüsse des US-Kongresses griffen die Attacken auf die Privatsphäre auf, und endlich wagten sich akademische Autoren an das Thema. Das erste Datenschutzgesetz wurde aber 1970 in Hessen erlassen. Vance Packard widmete sich nach der wehrlosen Gesellschaft anderen Problemen wie der Gentechnik. Er starb 1996 auf der Insel Martha’s Vineyard vor der amerikanischen Ostküste. Wer sich für Datenschutz-Geschichte interessiert, findet hier eine deutschen Dissertation darüber aus dem Jahr 2016 und hier eine umfangreiche Link-Sammlung.

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