Elektronensaldierer Modell 2021

Geschrieben am 12.10.2021 von

Henry Westphal ist Ingenieur und einer der Geschäftsführer der TIGRIS Elektronik GmbH in Berlin. Sie entwickelt elektronische Geräte und Systeme. Für das HNF schuf Westphal 2015 den Mega-Taschenrechner Space Age. Zum 25. Geburtstag des MuseumsForums erstellte er zusammen mit Studenten einen Nachbau des Elektronensaldierers ES 24. Er war das erste serienmäßige Produkt von Heinz Nixdorf. 

Heinz Nixdorf begann seine Laufbahn nicht in der sprichwörtlichen Garage. Ab Juli 1952 saßen er und ein Kollege in einer Werkstatt im Erdgeschoss des Essener Energieversorgers RWE. 1954 mussten die beiden für kurze Zeit in einen Keller umziehen. Sie konstruierten zwei Elektronenrechner für den Anschluss an Lochkartenmaschinen. Der eine Rechner konnte dividieren, der andere addieren und saldieren. Außerdem bauten sie 1952 noch ein elektronisches Gerät, das Lochkarten sortierte.

Links steht Heinz Nixdorf, rechts der Elektronensaldierer ES 24.

Das Saldieren ist ein Vorgang der Buchhaltung, bei dem mehrere Werte zusammengezählt werden. In den 1950er-Jahren besaßen Buchungsmaschinen für diesen Zweck bereits Addierwerke. Auch Lochkartengeräte addierten und saldierten. Zu nennen sind vor allem die Tabelliermaschinen. Sie lasen die in die Karten eingeprägten Zahlen, summierten sie mit Hilfe von Relais und druckten die Ergebnisse der Rechnung aus. Die Abfolge der Aktionen gaben Kabel vor, die in eine Stecktafel eingesetzt wurden.

Am 4. Juli 1952 erhielt Nixdorf von der RWE einen Auftrag für ein „Elektronen-Rechengerät“; es sollte Divisionen ausführen. Anfang 1954 war der Rechner fertig; er wurde in der RWE-Materialverwaltung eingesetzt. Er erhielt seine Inputs von einem Tabellierer, der auch die Rechenergebnisse ausdruckte. Anschließend baute Nixdorf für die RWE ein Saldiergerät. Es arbeitete mit einer Sortiermaschine für Lochkarten zusammen. Das HNF zeigt aus dem Elektronensaldierer zwei Rahmen mit insgesamt 240 Röhren.

Der erste Elektronensaldierer von 1954 steht im HNF in der Galerie der Pioniere.

Heinz Nixdorf leitete damals das Labor für Impulstechnik. Es fertigte eine etwas veränderte Serienversion des Saldierers; verkauft wurde sie ab 1955 von Bull, dem größten französischen Hersteller von Lochkartentechnik. Das Gerät wurde als ES 24 oder als 88.24 bezeichnet. Der Ingenieur Henry Westphal rekonstruierte mit seiner Firma TIGRIS-Elektronik GmbH den ES 24 für das HNF; Studierende der Technischen Universität Berlin und der Humboldt-Universität wirkten am Nachbau mit. Zuvor hatte TIGRIS bereits den Space-Age-Rechner erstellt.

Der ES-24-Nachbau übernahm Schaltkreise vom Original; er besitzt 204 Elektronenröhren und zwölf Zehnerstellen, während der Original-ES über 24 Zehnerstellen verfügte. Dieser ES 24 der 1950er-Jahre war 1,40 Meter hoch; die Breite und Tiefe betrugen 55 Zentimeter. Im Inneren steckten 396 Röhren. Der Elektronensaldierer enthielt einen oder zwei Zähler mit jeweils zwölf Stellen. Die Zählerstände wurden mit Glimmlampen im oberen Teil angezeigt. Die Zähler und die Anzeigentafeln ließen sich weiter unterteilen. Zusätzlich konnte man zwei Schränke anschließen und die Zählerstellen auf maximal 72 erhöhen.

Henry Westphal, Ingenieur in Berlin (Foto TIGRIS Elektronik GmbH)

Die Zähler addierten die Werte, die in Stapel von Lochkarten gestanzt waren. Die Karten wurden durch einen Kartensortierer, Kartenmischer oder Kartendoppler geschickt. Die Geräte lasen die Zahlenlochungen der Karten durch elektrische Kontaktbürsten und gaben die Daten an den Saldierer weiter. Der Kartensortierer war das schnellste Bull-Gerät; ihn passierten bis zu 42.000 Karten pro Stunde. Der Elektronensaldierer hielt das Tempo mit. Auch er schaffte 42.000 Rechenoperationen in der Stunde, wenn nicht mehr.

Auf einer Stecktafel wurde der Elektronensaldierer durch Kabel programmiert. Sie legten die Unterteilung der Zähler und die Vorzeichen der Zahlen fest. Diese Einstellungen weist auch der Nachbau auf. Allerdings füllt die Elektronik keinen Schrank, sondern ist auf einer Fläche installiert. Alle Teile sind direkt sichtbar, wie das Foto unten zeigt. Der neue Saldierer verfügt über eine stabile Stromversorgung und ein Diagnosesystem; damit lassen sich ausgefallene Röhren rasch lokalisieren.

Henry Westphal installiert den nachgebauten Elektronensaldierer im HNF.

Unser Eingangsbild zeigt den ES-24-Nachbau noch in der Werkstatt. Man erkennt die zwölf Reihen mit jeweils siebzehn Elektronenröhren. An der Unterkante des Rahmens befindet sich – halb verdeckt durch das Oszilloskop – eine Anzeigentafel mit Glimmlämpchen. Im HNF erscheint die Anzeige zusätzlich auf einem Monitor, an dem die Besucher das Gerät bedienen. Sie finden außerdem eine Einführung in die Nutzung eines Elektronensaldierers im Bankbetrieb. Wir bedanken uns bei Henry Westphal herzlich für die Informationen zum Projekt sowie für die beiden Fotos.

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2 Kommentare auf “Elektronensaldierer Modell 2021”

  1. Erhard Anthes sagt:

    Saldieren ist etwas mehr als bloßes Addieren: Der Additionsvorgang von positiven und negativen Beträgen liefert gegebenfalls auch ein negatives Resultat mit Ausgabe des Vorzeichens. Dazu sind spezielle Einrichtungen nötig, die durch Umwandlung (arithmetisches Komplement) den richtigen (negativen) Betrag samt Vorzeichen liefert.

    1. Das ist Korrekt. Der ES24 beherrscht einerseits die Subtraktion (durch Addition des Zehnerkomplements) und gibt ein ggf. negatives Ergebnis auch als Zehnerkomplement aus. Andererseits (und das ist der typische Anwendungsfall dieses Gerätes) können die 24 Stellen in einzelne Zahlen getrennt werden, so könnten z.B. je 12 Stellen für das Soll und das Haben genutzt werden. Beim Auslesen der Lochkarte wird dann anhand der Soll/Haben-Lochung entschieden, auf welche der beiden Stellengruppen der jeweilige Betrag aufgerechnet wird.

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