„Today we’ll surf the net.“

Geschrieben am 03.06.2022 von

Ins Netz kann man gehen, und man kann dort surfen. Der Ausdruck „Surfing the Internet“ erschien vor dreißig Jahren zum ersten Mal im Druck; er stand über einem Artikel in einer amerikanischen Zeitschrift. Seine Autorin war die Bibliothekarin Jean Armour Polly. Der kanadische Denker Herbert Marshall McLuhan verknüpfte aber schon 1962 Wellenreiten und elektronische Medien.

„Heute starte ich nach Minnesota, Texas, Kalifornien, Cleveland, Neuseeland, Schweden und England. Ich packe keine Koffer und sammle keine Vielflieger-Meilen. Tatsächlich schlürfe ich Kakao vor meinem Macintosh. Ich reise elektronisch, mit dem Computer auf meinem Schreibtisch, einem Netzprogramm, einem Modem und dem normalen Telefon-Anschluss.“

So begann ein Artikel im Juni-Heft 1992 des Wilson Library Bulletin, einer amerikanischen Fachzeitschrift für das Bibliothekswesen. Verfasst hatte ihn die Bibliothekarin Jean Armour Polly aus Liverpool; hier steht mehr über ihre Bücherei. Sie lag nicht in der Beatles-Stadt, sondern in einem kleinen Ort im Westen des US-Bundesstaates New York. Das Besondere am Artikel war die Überschrift: „Surfing the Internet: An Introduction“ Im Haupttext kamen noch „true internet surfers“ vor.

Jean Armour Polly, die Mutter des Internet-Surfens (Foto YouTube CC BY 4.0)

Die Publikation setzte das Internet-Surfen im Sinne der Internet-Nutzung in die Welt. Die Autorin lieferte eine kurze Beschreibung der amerikanischen Netzwerk-Szene, die Anfang 1992 rund 700.000 Server umfasste. Es war noch das alte Mailbox-Internet, das sich in den 1980er-Jahren herausbildete. Jean Armour Polly kannte schon das „WordWideWeb“, aber nur als eines von mehreren Systemen. Sie erwähnte außerdem die vermutlich älteste Metapher der Netznutzung, „Mining the Internet“, eine Schöpfung der Universität von Kalifornien.

Das Surfen im Netz fiel nicht einfach vom Himmel, sondern hatte eine Vorgeschichte. 1962 verband der kanadische Informationsphilosoph Herbert Marshall McLuhan das Wellenreiten mit modernen Medien. In seinem Buch Die Gutenberg-Galaxis überschrieb er ein Kapitel mit „Heidegger surft („surf-boards along“) auf der elektronischen Welle so triumphal wie Descartes auf der mechanischen“. Es fällt schwer, sich den Denker aus dem Schwarzwald als Beach-Boy vorzustellen, doch es ist eine originelle Formulierung.

1967 wirkte McLuhan am Taschenbuch The Medium is the Massage (mit zwei a) mit. Es enthielt das Foto eines wellenreitenden Herrn mit Hut und Aktentasche. Der zugehörige Text sprach vom „electrically-configured whirl“, dem elektrisch – oder elektronisch – erzeugten Strudel. Der kanadische Philosoph berief sich nicht mehr auf Martin Heidegger, sondern auf den amerikanischen Schriftsteller Edgar Allan Poe und seine Erzählung vom Maelstrom. Heidegger starb 1976 und McLuhan 1980; beide gingen vermutlich niemals ins Internet.

Martin Heidegger: der erste Surfer im technischen Sinne? (Foto Willi Pragher/Landesarchiv Baden-Württemberg CC BY-SA 3.0)

In den 1980er-Jahren entdeckten die Amerikaner das Channel-Surfen, das Durchprobieren von TV-Programmen mit der Fernbedienung. Die deutsche Sprache kennt dafür das Wort Zappen. Wichtiger fürs Internet wurde der Begriff des Information Surfing. Er verbreitete sich in den späten Achtzigern im Silicon Valley und bedeutete soviel wie das sinnvolle Nutzen von großen Datenmengen, kurz, das Navigieren durch das Meer der Information. Einen Grundlagentext verfasste 1989 der Zukunftsforscher und Stanford-Professor Paul Saffo.

Im Frühjahr 1992 lag ein Mousepad mit einem Wellenreiter und den Worten „Information Surfer“ neben dem Apple-Computer von Jean Armour Polly. Als sie an ihrem Artikel für das „Wilson Library Bulletin“ feilte und eine griffige Metapher suchte, fiel ihr Blick auf das Bild; der Rest ist Geschichte. Die Inspiration wird in diesem Video geschildert. Der Ausdruck „Surfing the Internet“ lag aber in der Luft; am 24. Februar 1992 erschien er bereits in einer Newsgroup. Die Bibliothekarin hat das selbst recherchiert und auf ihre Homepage gesetzt.

Dort stellte sie auch frühe Auftritte ihrer Wendung in der Presse zusammen. Ab April 1993 ermöglichte der Mosaic-Browser das Surfen im World Wide Web; im November des Jahres beschrieb die Fernsehserie Computer Chronicles das Internet. Aus der betreffenden Folge stammt unsere Überschrift. Im gleichen Jahr sangen die Horribles Cernettes, die Hausband des Forschungszentrums und WWW-Geburtsorts CERN, ihr Netzlied. Darin kommt unter anderem die Zeile „Surf me on the web“ vor.

Herbert Marshall McLuhan in jungen Jahren

1993 nahm der amerikanische Autor Howard Rheingold den Ausdruck „Netsurfing“ in sein Buch über virtuelle Gemeinschaften auf. Bei uns verbreitete sich das Surfen im Internet im Jahr 1995: im August erwähnte es die ZEIT, im September der SPIEGEL. Anfang 1996 kämpfte Surfen Multimedia leider vergeblich um die Beteiligung beim Eurovision Song Contest. 2019 wurde Jean Armour Polly in die Internet Hall of Fame aufgenommen; hier ist das Video dazu, und das war ihre Dankesrede. Wir möchten etwas verspätet gratulieren und wünschen den Lesern und Leserinnen unseres Blogs alles Gute für die Pfingsttage.

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