Sperry + Burroughs = Unisys

Geschrieben am 17.09.2021 von

Vor 35 Jahren verschmolzen die beiden Computerhersteller Sperry und Burroughs zu einem neuen Unternehmen: Unisys. Mit zehn Milliarden Dollar Umsatz war es nach IBM die Nummer Zwei im Markt. Geleitet wurde es von dem 1926 in Oranienburg geborenen Michael Blumenthal. Die Teilfirmen der Unisys Corporation und ihre Vorläufer deckten 113 Jahre amerikanische IT-Geschichte ab.

Anfang 1986 gab es in den USA neben dem Giganten IBM fünf wichtige Großrechner-Marken: Burroughs, UNIVAC, NCR, Control Data und Honeywell. Nach den Initialen wurde das Quintett auch BUNCH genannt, was Bande oder Haufen heißt. Am Jahresende war der Haufen weiter geschrumpft. Honeywell hatte sich mit der französischen Bull-Gruppe zusammengetan, und die Firma Sperry, der Hersteller der UNIVAC-Computer, gehörte der Burroughs Corporation.

Der Kaufvertrag wurde am 27. Mai 1986 unterzeichnet, am 16. September war die Fusion unter Dach und Fach. Für 4,8 Milliarden Dollar ging die Sperry Corporation in den Besitz von Burroughs über. 5.000 Dollar erhielt der Burroughs-Angestellte Christian Machen. In einem firmeninternen Wettbewerb siegte sein Vorschlag für den Namen des neuen Unternehmens – Unisys. Mit einem Jahresumsatz von zehn Milliarden Dollar und 120.000 Mitarbeitern belegte es hinter der IBM den zweiten Platz in der Rangliste der Computerproduzenten.

Das Unisys-Hauptquartier in Blue Bell (US-Bundesstaat Pennsylvania)

Unisys blickte auf eine lange und eindrucksvolle Vorgeschichte zurück. Sie begann am 1. März 1873. Damals schloss der Geschäftsmann James Densmore einen Vertrag mit der im US-Bundesstaat New York ansässigen Firma Remington ab. Sie fertigte Gewehre und baute auch die Schreibmaschine von Latham Scholes. Die erste kam im Juli 1874 heraus. 1886 setzte die neu gegründete Standard Typewriter Manufacturing Company die Produktion fort. Ab 1902 nannte sie sich Remington Typewriter Company. 1927 verschmolz sie mit dem Büroartikelhersteller Rank Kardex zu Remington Rand.

Dieses Unternehmen erwarb unter anderem die Dalton Adding Machine Company und die Lochkartenfirma Powers. Sie war in ihrem Feld der einzige Konkurrent vom Marktführer IBM. 1950 übernahm Remington Rand die Eckert-Mauchley Computer Corporation und 1952 einen weiteren Rechner-Hersteller, die Engineering Research Associates ERA.  Drei Jahre später wurde Remington Rand selbst übernommen, nämlich durch den Sperry-Konzern. Er war in der Flugzeugtechnik tätig, hatte aber schon einen Computer konstruiert, den SPEEDAC mit 800 Elektronenröhren.

Die neue Firma hieß Sperry Rand. Elektronenrechner verkaufte sie unter der Marke UNIVAC, die auf die Eckert-Mauchley Computer Corporation zurückging; auch der Name Powers blieb noch lange in Umlauf. Anfang 1972 schluckte das Unternehmen die Computerabteilung des RCA-Konzerns. Die dort in den 1960er-Jahren entwickelte Spectra 70 wurde hierzulande als Siemens 4004 angeboten; weitere Kopien fertigten Bull in Frankreich und ICT in England. 1978 nannte sich Sperry Rand in Sperry Corporation um.

Ein Unisys-V-Computer aus den 1980er-Jahren (Foto Frank Fujimoto CC BY-NC-ND 2.0)

Der zweite Vorläufer von Unisys startete 1886 in St. Louis. Die American Arithmometer Company baute die von ihrem Mitgründer William Burroughs erfundene Addiermaschine. 1904 zog die Firma nach Detroit um, ab 1905 hieß sie Burroughs Adding Machine Company. Sie kaufte Konkurrenten auf und lieferte außerdem Schreib- und Buchungsmaschinen wie die Sensimatic. 1953 nahm sie den Namen Burroughs Corporation an. Im gleichen Jahr konstruierte sie das Elektronengehirn UDEC. 1954 lag der Bürocomputer E101 vor.

1956 übernahm Burroughs die kalifornische ElectroData Corporation und ihre Datatron-Rechner. So trat die Firma aus Detroit in den aufstrebenden Computermarkt ein. Große und mittelgroße Anlagen erschienen; die B5000 von 1961 war ein Meilenstein in der Hard- und Software-Technik. Daneben produzierte die Burroughs Corporation Elektronik für Raketen der US-Marine und der NASA. 1972 lieferte sie an die Raumfahrtbehörde ebenso den Superrechner ILLIAC IV. In jenem Jahr setzte sie mehr als eine Milliarde Dollar um.

Im Oktober 1980 erhielt Burroughs einen neuen Chef: Michael Blumenthal. Er wurde am 3. Januar 1926 in Oranienburg geboren. Sein Vater führte eine kleine Bank, die aber 1929 bankrott ging. Die Familie übersiedelte ins nahe Berlin; 1939 emigrierte sie nach Shanghai. Das war damals die einzige Stadt, die deutsche Juden ohne Papiere aufnahm. Blumenthal verbrachte dort die nächsten Jahre; im September 1947 konnte er in die Vereinigten Staaten einwandern. Er studierte Wirtschaftswissenschaften in Berkeley und Princeton; seine Dissertation behandelte die deutsche Mitbestimmung.

Michael Blumenthal 1977 als US-Handelsminister

Von 1957 bis 1961 arbeitete Blumenthal für eine amerikanische Firma, die Kronkorken herstellte. Danach saß er im US-Außenministerium; er handelte unter anderem ein GATT-Abkommen aus. 1967 übernahm er einen Posten an der Spitze des Technikunternehmens Bendix in Detroit. Zehn Jahre später machte ihn der neu gewählte Präsident Jimmy Carter zum Handelsminister. Anfang 1979 besuchte Blumenthal zweimal das kommunistische China; im Juli musste er allerdings sein Ministeramt aufgeben.

Als Direktor der Burroughs Corporation verantwortete Michael Blumenthal die Fusion mit Sperry. 1990 wechselte er von Unisys zu einer Investmentbank. Im Jahr 1997 wurde er Gründungsdirektor des Jüdischen Museums Berlin, das 2001 eröffnete. 2010 kam seine sehr lesenswerte Autobiographie heraus. Sein früherer Arbeitgeber ist neben der IBM die letzte amerikanische Computerfirma, die in der guten alten Zeit wurzelt; das meiste Geld verdient sie aber durch Dienstleistungen. 2020 machte Unisys 2,03 Milliarden Dollar Umsatz und einen Nettoverlust von 317,3 Millionen Dollar.

Unser Eingangsbild zeigt den erstaunlich kleinen Unisys CWD-4002 aus den 1990er-Jahren. Hier ist etwas mehr von ihm zu sehen.

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Ein Kommentar auf “Sperry + Burroughs = Unisys”

  1. Ich habe Michael Blumenthal als früheren Chef von Sperry Univac zweimal ins HNF eingeladen. Einmal schrieb er mir zurück, er habe mit dem zeitweiligen Erfolg von der Firma nichts zu tun, der „credit“ gehe an seine Ingenieure.

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